Presseecho

schrieb am 03.12.2004 zu dem Vortrag

LERNTHERAPEUT SPRACH IN HALL

Legasthenie und Genialität 
Matthias Gradenwitz   über seinen Ansatz

Für Matthias Gradenwitz sind Legastheniker Menschen mit besonderen Begabungen. Der bundesweit tätige Lerntherapeut und Heilpädagoge erläuterte rund 80 Zuhörern in der Haller Hospitalkirche, warum er Legasthenie, Rechenschwäche und ADS als Talentsignal betrachte.


SCHWÄBISCH HALL "Drei Bedingungen müssen Menschen erfüllen, um Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben bekommen zu können, erklärte der Referent. Zwei dieser Bedingungen seien Begabungen, eine davon sei ein Problem. Erste Bedingung sei die Fähigkeit, "den Mittelpunkt des Erlebens frei in Raum und Zeit wandern zu lassen." Die zweite Bedingung sei die, dass diese Menschen zumeist in Bildern, nicht in Klängen von Wörter denken. Beides Fähigkeiten, die vor allem kreativ tätige Menschen auszeichne. "Die dritte Bedingung ist eine niedrige Verwirrungsschwelle“

Legasthenie beruhe auf einem besonderen Wahrnehmungstalent, das schon ganz früh im Leben in Erscheinung trete. Bevor ein Legastheniker allerdings die positive Seite seiner Veranlagung schätzen könne, müsse er sich mit der negativen auseinander setzen. Laut Gradenwitz müsse er lernen, seine Desorienierung bewusst an und abzuschalten. Als Orientierungshilfe hat er eine Methode entwickelt, die das Gedankenauge zur Ruhe kommen lässt. Er nennt das Imago Punkt. In der anschließenden Diskussion wurde jedoch schnell klar, dass es ganz verschiedene und individuelle Möglichkeiten der Orientierungsfindung gibt, die Eltern und Lehrer mit dem Kind einüben können.

Dass Legasthenie und Genialität nahe beieinander liegen, machte er an einem Beispiel aus der Geschichte deutlich. Johann Wolfgang Goethe beispielsweise, sagte er, habe viele seiner Werke einem Honorarschreiber diktiert. Goethe habe bekannt, er sei "niemals zerstreuter, als wenn er mit eigener Hand schreibe"


Ein anderes Beispiel: Albert Einstein. Er soll in seinen Vorlesungen alles an den Fingern abgezählt haben, weil er "sein Gehirn nicht mit Dingen belasten wollte, die er jeder Zeit nachschauen kann."


Eine Rechenschwäche, sagte er, könne mit der Legasthenie einhergehen. Rechnen, meinte er, lerne ein Kind nicht durch Erklärungen, sondern nur wenn es die Fähigkeit entwickelt habe, das Rechnen, also z. B. Dezimalsystem, selbst zu erfinden. Ursache der Rechenschwäche sei oft eine "elementare Verwirrung, die zum Beispiel durch Orientierungsschwierigkeiten in Raum, Zeit oder Relation entstehe. In der Rechentherapie führe er Betroffene beispielsweise in die zehn Bausteine der Logik ein, der Grundlage für die Entwicklung der Rechenfähigkeit. Auch für ADS, einem Problem, das sich immer mehr auszubreiten scheint, gebe es Trainings und Therapiemethoden, die die Kinder "Schritt für Schritt dahin führen, die Steuerung ihrer Wahrnehmung selbst zu übernehmen". Gradenwitz spricht in diesem Zusammenhang nicht von Aufmerksamkeitsteuerungs- Defizit Syndrom, sondern von Kindern mit besonderem Lern und Aufmerksamkeitsverhalten.

Kinder werden nicht mit Lernschwächen geboren, fasste der Referent zusammen. Im Gegenteil: Die meisten Kinder mit so genannten Lernstörungen wie Aufmerksamkeitsschwäche hätten die Gabe, hauptsächlich in Bildern zu denken. Unterrichte man sie auf herkömmliche Weise, kämen die Lerninhalte nur unverständlich bei ihnen an. "Die Folge: Sie schalten ab und können sich nicht mehr konzentrieren."

Matthias Gradenwitz ist gebürtiger Niederländer und lebt seit über 25 Jahren in der Bundesrepublik. Als Heilpädagoge, Mathematik- und Förderklassenlehrer hatte er viel mit Lernschwierigkeiten zu tun. Nach einer Spezialausbildung zum Lerntherapeuten für Legasthenie, Dyskalkulie (Rechenschwäche) und ADS widmet er sich seit fünf Jahren in Vorträgen und Seminaren für Eltern und Lehrer den Fragen "Wie können Lernblockaden überwunden worden?" und „Wie entsteht Sehnsucht zum Tun?" dia